Die ehemaligen Hauptamtlichen Ilona Gloning, Peter Hoffmann und Brigitte Hölle führen im Ruhestand ehrenamtlich den Stadtbezirk Ost-Neckar
Es fühlt sich immer ein bisschen wie nach Hause kommen an, wenn Ilona Gloning, Peter Hoffmann und Brigitte Hölle dem Stadtteilhaus Ost einen Besuch abstatten. Alle drei haben vor ihrem Ruhestand hauptamtlich hier gearbeitet, alle drei führen seither den fusionierten Stadtbezirk Ost-Neckar als ehrenamtliches Vorstandsteam. Diese Konstanz in der ehrenamtlichen Leitung ist etwas Besonderes; wir haben uns deshalb mit dem Trio auf einen Kaffee im Stadtteilhaus getroffen: Ein Blick zurück und ein Blick in die Zukunft.
Der Stadtbezirk Ost-Neckar ist aus der schieren Notwendigkeit geboren, nämlich aus der Fusion der Unteren Neckarvororte Münster, Mühlhausen und Hofen mit Neugereut, Ost und Bad Cannstatt aus den altbekannten Gründen: schwindende Mitgliederzahlen und niemand, der das Amt des Vorstands übernehmen wollte. Nach dem Tod von Jörg Utzt war auch der Posten in Bad Cannstatt verwaist. „Da haben wir drei uns breitschlagen lassen“, sagt Ilona Gloning; sie fungiert seither als Kassiererin, Peter Hoffmann als Vorsitzender. Dass das Stadtteilhaus Ost das Zentrum des neu geschaffenen Stadtbezirks werden sollte, bot sich aus praktischen Gründen an: Es verfügt über einen Aufzug und die beste Verkehrsanbindung – von der Stadtbahnhaltestelle sind es nur wenige Schritte zum Stadtteilhaus. „Und außerdem“, sagt Peter Hoffmann, „sind wir hier dahoim!“
Das gilt für alle drei: Peter Hoffmann hat die damalige Begegnungsstätte Ost von 1981 bis 1988 geleitet, ehe er Abteilungsleiter Altenhilfe wurde. Ilona Gloning ist ein echtes Eigengewächs des Ostens und mit Unterbrechungen seit 1987 dabei; geleitet hat sie die Begegnungsstätte von 1992 bis 2016. Brigitte Hölle gehörte von 1992 bis zu ihrem Ruhestand zum Ost-Team, zuständig für die ambulanten Dienste, „und als Mädchen für alles!“ ergänzt sie schmunzelnd. Es scheint gut gelaufen zu sein, Ilona Gloning nennt sie noch heute „meine allerliebste Lieblingskollegin!“
Das Neben- und Miteinander von hauptamtlicher und ehrenamtlicher Arbeit hatte im Stadtbezirk Ost schon vorher mit dem Ehepaar Irene und Friedel Bohlmann und Erika Kreis eine gute Tradition, aber war es auch üblich? „Es hat sich immer überlappt“, sagt Ilona Gloning, „wir durften früher nur keine Delegierten sein.“ Andernfalls hätte man als Ehrenamtlicher Einfluss auf die eigenen Arbeitsbedingungen als Hauptamtlicher nehmen können, was es zu verhindern galt. „Außerdem war man halt in der AWO verwurzelt“, ergänzt Peter Hoffmann, der über die Jugendarbeit zur Arbeiterwohlfahrt gekommen war und Jahrzehntelang Sommer- und Winterfreizeiten organisiert hat.
Aber leidet bei dieser Vermischung nicht das, was man heute Work-Life-Balance nennt und für ein unverzichtbares Gut hält, nämlich die Trennung und Ausgewogenheit von Berufsleben und Freizeit? Brigitte Hölle schüttelt den Kopf: „Da hat sich immer viel überschnitten.“ Gut erinnert sie sich noch an ihr Einstellungsgespräch. Einer der entscheidenden Sätze lautete: „Dass eines klar ist: An Heiligabend wird bei uns gearbeitet!“ Abgeschreckt hat sie das ebenso wenig wie Ilona Gloning: „Der Saal war bei uns immer voll! Ich hab das richtig gern gemacht.“ Im Ruhestand musste sie dann erst mal lernen, diesen speziellen Abend allein für sich zu gestalten.
Überhaupt hat sich in den vergangenen Jahren einiges geändert, in der Gesellschaft, und damit auch in den Begegnungsstätten, die (teilweise) zu Stadtteilhäusern in Trägerschaft der AWO geworden sind. „Früher waren wir das Wohnzimmer der Menschen,“ sagt Brigitte Hölle, „es gab Leute, die sind um 11 Uhr gekommen und erst gegangen, wenn wir geschlossen haben. Das gibt es heute nicht mehr.“ Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Zum einen, sagt Peter Hoffmann, hat sich der Altersbegriff verändert: „Die Leute, die heute in den Ruhestand gehen, sind fit und häufig in verschiedenen Vereinen aktiv.“ Zum anderen, ergänzt Ilona Gloning, gibt es immer mehr unterschiedliche Angebote. Die früher so beliebten Busausflüge haben sich irgendwann nicht mehr gelohnt, ihre erste Konkurrenz waren Kaffeefahrten. Die Menschen, die in die Begegnungsstätten kommen, wurden immer älter. Das ehrenamtliche Vorstandstrio hat darauf reagiert.
Das Motto heißt jetzt „Kulturcafé“. In Kooperation mit dem Stadtteilhaus bietet die AWO nun zwei bis drei Veranstaltungen für die Mitglieder. „Wir bringen hochwertige Kultur“, sagt Brigitte Hölle. Das Theater Tredeschin war schon zu Gast, auch Dein Theater. Es gibt Kaffee, Kuchen und Getränke gratis, anschließend geht ein Hut herum. „Es ist wichtig, dass sich unsere Klientel treffen, miteinander schwätzen und dabei Kultur erleben kann“, erklärt Peter Hoffmann. Am Tag vor dem ersten Mai zum Beispiel gab es ein gemeinsames Singen von Arbeiterliedern mit dem Heslacher Arbeiter:innenchor, der Nachmittag war gut besucht, beim Lied „Die Gedanken sind frei“ zur Gitarre sangen alle mit. Um das Kulturangebot und die Kontakte zu den Künstlern kümmern sich Ruth und Gerhard Götze als Beisitzer im Vorstand.
Peter Hoffmann sieht in diesem Modell die Zukunft: „Die Beratung machen die Profis, der Stadtbezirk macht kulturelle Betreuungsangebote.“ Und alles findet unter dem Dach des Kreisverbandes in der Olgastraße statt.
Für das Vorstandstrio und seine beiden Beisitzer gibt es dennoch genug zu tun, zum Beispiel die zwei bis drei Vorstandssitzungen im Jahr, zu denen sie sich ganz oldschool zusammen telefonieren. Dazu die Organisation der Veranstaltungen selbst. Es sei gut, finden alle, etwas Sinnvolles zu tun zu haben und trotzdem die Freiheit des Ruhestandes genießen zu können. Aber: „Ohne, dass wir uns gut verstehen, könnten wie das nicht machen“, sagt Brigitte Hölle. Und gut verstehen - das tun die drei ganz offensichtlich.
(ann)