Die Automobilindustrie niest, die Kommune bekommt die Grippe
Die Gewerbesteuereinnahmen in Stuttgart sind von 1,6 Mrd. in 2023 über 1,1 Mrd. Euro 2024 bereits gesunken, die Erwartung des Stadtkämmerers lautet für 2025 rd. 750 Mio. Euro, für 2026 rd. 700 Mio. und infolge steigender Hebesätze 2027 werden 800 Mrd. Euro Einnahmen projiziert.

(Quellen: Stadt Stuttgart, grafische Aufbereitung Gemini, 2026)
Nebenbei: Das ist in der Landeshauptstadt die erste Anhebung der Gewerbesteuer seit 25 Jahren – hier ist also in der Vergangenheit von Wolfgang Schuster (CDU) über Fritz Kuhn (Grüne) bis Frank Nopper (CDU) viel Potenzial verschenkt worden, in guten Zeiten vorzusorgen.
Wie viel „mehr“ Butter, pardon: Bildung kann sich Stuttgart leisten?
Die Forschung der letzten Jahre gibt darauf eine überraschend deutliche Antwort: Wir können es uns nicht leisten, nicht umfänglich in Bildung von Anfang an zu investieren.
Langfriststudien in verschiedenen Ländern zeigen (z. B. die Meta-Analyse von Cui & Martins 2021 und die EU-Vergleichsstudie von Plavgo 2023), dass zusätzliche Bildungsausgaben pro Kind keine abstrakte Größe bleiben, sondern sich in sehr konkreten Lebensläufen niederschlagen. Wird die Pro-Kopf-Finanzierung der Schulen erhöht, schließen Jugendliche im Schnitt mehr Schuljahre ab, verdienen mehr und haben ein deutlich geringeres Armutsrisiko. Besonders stark profitieren Kinder aus einkommensarmen Familien – bei ihnen sinkt die Armutswahrscheinlichkeit im Erwachsenenalter um mehrere Prozentpunkte. Kommunen, die gezielt in Schulen in benachteiligten Quartieren investieren, bauen damit reale Aufstiegschancen. Es liegt auf der Hand, dass im internationalen Vergleich besonders jene Länder von derartigen Investitionsinitiativen profitieren, die noch über ein niedriges durchschnittliches Bildungsniveau verfügen.
Relativ betrachtet gilt das aber auch in den reichen Volkswirtschaften; umso beschämender und nicht vermittelbar ist es, dass die Armutsquoten auf hohem Niveau verharren: Deutschland hat zuletzt eine Armutsquote von 16,1 %, das heißt, dass rund 13,3 Millionen Menschen ein verfügbares Einkommen unter 60 Prozent des nationalen Medianeinkommens hatten. In Baden-Württemberg sind 1.5 Mio. Menschen arm (13,2 %, 2024), 340.000 davon sind Kinder und Jugendlich unter 18 Jahren. Für Stuttgart lässt sich anhand der Statistiken schätzen, dass zwischen 15.000 und 18.000 Kinder im Grundschulalter bereits arm oder armutsgefährdet sind. (Lese-Tipp: Fakt oder Fake? 7 Mythen über Kinderarmut)
Wer nicht die Gründe für Armut mit aktiv steuernder Politik (darum heißen „Steuern“ Steuern) angeht, muss sich mit Armut und ihren Folgen auseinandersetzen. In Zeit der Verteilungskonflikte gerät der Kampf gegen Armut immer wieder zu einem Kampf gegen Arme, wie wir es aktuell erleben, weil die politisch Rechte im Aufschwung ist.
Höhere Investition in Bildung heute – höhere Steuereinnahmen morgen
Für Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker ist eine Botschaft wichtig: Bildungsinvestitionen entlasten langfristig andere Haushaltsposten. Wo mehr Jugendliche Abschlüsse schaffen und tragfähige Berufswege finden, sinken später Ausgaben für Sozialleistungen, Arbeitsförderung und kommunale Hilfesysteme. Internationale Berechnungen zeigen, dass sich ein zusätzliches Bildungsjahr im Schnitt in höheren Löhnen abbildet – und damit in höheren Steuer- und Beitragseinnahmen nach dem Eintritt in den Arbeitsmarkt. Volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analysen kommen zu dem Ergebnis, dass jeder in wirksame Bildungsprogramme investierte Euro immer gesellschaftlichen Erträge generiert. Je früher und gezielter investiert wird, desto höher ist die Rendite. Frei nach Harvard-Sprech also eine „Win-win-Situation“.
Auch für Deutschland gilt: Die fiskalische Rendite von Bildung ist beachtlich. Berechnungen zeigen, dass ein Ausbildungsabschluss im Schnitt einen öffentlichen Nettoertrag im sechsstelligen Bereich erzeugt, weil über das Erwerbsleben höhere Steuereinnahmen und geringere Sozialtransfers zusammenkommen. Für ein Studium liegt der Nettoertrag ebenfalls deutlich im Plus. Kommunen sind zwar nicht alleiniger Nutznießer dieser Effekte, aber sie spüren die Wirkungen unmittelbar: über die lokale Arbeitslosenzahl, die Nachfrage nach Sozialleistungen, das Steueraufkommen und die Attraktivität des Standorts für Unternehmen und Fachkräfte (Pfeiffer & Stichnoth 2015).
Bildungspolitik muss mit Arbeitsmarktpolitik zusammengedacht werden
Leuchtturmprojekte wie S21 oder Stuttgart-Signs wirken gut in Broschüren und Insta-Posts, helfen im Zweifelsfall eher Marc Zuckerberg aus Palo Alto als Murat Zetschke aus Zuffenhausen. Entscheidend sind für Murat und Denise Unterrichtsqualität, qualifiziertes Personal und funktionierende Unterstützungssysteme im Alltag. Bildungspolitik muss mit Arbeitsmarktpolitik zusammengedacht werden. Stabile wie unbürokratische und anpassungsfähige Kooperationen mit regionalen Betrieben, Berufskollegs, Kammern und Jobcentern verstärken den Effekt der Investitionen – vom Praktikum über Mentoring bis zu dualen Ausbildungsverbünden. Wer kommunal in Bildung investiert, betreibt aktive Struktur-, Sozial- und Wirtschaftspolitik zugleich. Jeder Euro, der heute in Kita-Qualität, Ganztagsschulen, Sprachförderung oder Berufsorientierung fließt, reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass in zehn oder zwanzig Jahren der Sozialetat explodiert. In Zeiten knapper Kassen ist das kein „nice to have“, sondern eine nüchterne Risiko- und Renditeabwägung.
Die freien Träger im (nicht nur) im Bereich Kinder- und Jugendhilfe wie die AWO Stuttgart haben wiederholt Vorschläge zur Entbürokratisierung in die Diskussion gebracht, die auf beiden Seiten erheblich die Ausgaben senken würden. Auch der Anteil der Trägerschaft der Stadt Stuttgart sollte Teil der von Bildungsbürgermeisterin Fezer angemahnten „Aufgabenkritik“ sein – freie Träger sind nämlich qua Abstandsgebot zum TVöD zwangsläufig „preiswerter“ in ihren Leistungen.
Im 2. Teil wird es um aktuelle Forschung zu Investition in Bildung und Bildungserfolg in Deutschland gehen.