Mit dem Abschluss des neunten Qualifizierungskurses endet auch die Interviewserie mit Julia. In diesem Gespräch beschreibt sie, was für sie gute Begleitung bedeutet: Angebote zu machen und loslassen zu können. Und warum es das richtige Maß an Zurückhaltung braucht.

Der Qualifizierungskurs ist inzwischen zu Ende gegangen: Was nimmst du als wichtigste Erkenntnis darüber mit, was gute Begleitung ausmacht und wer du als Begleiterin sein möchtest?

Nicht zu viel zu wollen! Ich habe das Bild in mir, dass ich als Begleiterin auf dem letzten Stück Weg der sterbenden Person noch mit in ihren Lebenszug einsteigen und mitfahren darf – als Besucherin, als Fahrgast. Ich bestimme weder die Richtung noch die Geschwindigkeit noch das Programm während der Fahrt. Ich kann Angebote machen, wenn es sich passend anfühlt – und respektieren, wenn dieses Angebot nicht passt. Ich darf der Person zutrauen, dass sie ihren Zug auch am Ende noch fahren kann – und sich dabei über etwas Gesellschaft freut.

Gibt es etwas, bei dem du denkst: Das werde ich erst im wirklichen Tun verstehen? Etwas, was kein Kurs der Welt lehren kann?

Jeder Mensch wird am Ende seines Lebens ganz Unterschiedliches brauchen – das kann vorher nicht geplant werden. Dafür braucht es ein Kennenlernen und ein „Sich-Einstimmen“ aufeinander. Jede Begleitung wird sich so gesehen wieder ganz neu anfühlen. Wie es mir mit den Begleitungen letztendlich gehen wird, werde ich auch erst erfahren, wenn ich sie erlebe. Ich bin gespannt, mich darin kennenzulernen.

Wenn du an deine erste konkrete Begleitung denkst: Welche Gefühle kommen da bei dir hoch?

Ich spüre Respekt und sicherlich auch etwas Aufregung, aber gleichzeitig auch viel Vertrauen. Von mir selbst weiß ich, dass ich mir keine Sorgen machen muss, solange ich mich, meine Gefühle und Bedürfnisse in einem begleitenden Prozess gut spüre. Dann bin ich auch präsent für alles, was mein Gegenüber mir zeigt. Das kenne ich auch aus der therapeutischen Arbeit. Wenn ich nur noch im Denken bin, entferne ich mich davon; dann läuft etwas nicht mehr rund und braucht einen überprüfenden Blick auf die Situation – wenn nötig auch von außen. Hier können Supervision und Austausch mit anderen Begleitern helfen. Wir müssen in solchen Situationen nicht alleine bleiben. Das fühlt sich gut an.

Was glaubst du, brauchen Menschen in ihrer letzten Lebensphase am meisten von jemandem, der einfach da ist?

Sichere, authentische Präsenz und Akzeptanz all dessen, was gerade ist. Ich denke, jeder Mensch möchte auch – und gerade – am Ende seines Lebens ernst genommen werden – und auch gesehen werden. Wenn ich mich hineinversetze: Der Gedanke, dass mich am Ende meines Lebens jemand begleitet, der einfach „Ja“ zu mir sagt – „Es ist okay, wie du bist und was du fühlst und was du brauchst“ –, bewirkt in mir ein friedliches Gefühl, das mir dann vielleicht auch hilft, gehen zu können.

Wie soll dieses Engagement langfristig in deinen Alltag passen – was ist dir wichtig, damit es sich stimmig anfühlt?

Ich möchte eine Begleitung nur dann beginnen, wenn ich gerade wirklich die Kapazität habe – sowohl zeitlich als auch physisch und psychisch. Hier bin ich mir meiner Verantwortung bewusst. Niemand hat etwas von einer halbherzigen Begleitung, die sich nach Stress oder Belastung anfühlt. Lieber seltener – und dafür dann aber mit voller Aufmerksamkeit und wirklich offenem Herzen!


Julia war Teilnehmerin des neunten Qualifizierungskurses des AWO Hospizdienstes. In unregelmäßigen Abständen hat sie von ihrer Reise durch den Kurs und ihren Start in die ehrenamtliche Hospizarbeit berichtet. Mit diesem Beitrag endet die Interviewserie.

 

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