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Einleitungsbild Einladung zur Buchvorstellung mit Weinprobe am 9. Oktober 2026
Einladung zur Buchvorstellung mit Weinprobe am 9. Oktober 2026

Im Rahmen der Reihe "Mitmensch" lädt die AWO Weilimdorf gemeinsam mit Jacques' Wein-Depot am 9. Oktober 2026 um 18:30 Uhr zu einer kulturellen Veranstaltung mit Buchvorstellung, Musik und Weingenuss ein. 

Ergun Can stellt sein neu erschienenes Buch "Vom Bosporus an den Nesenbach - und zurück?" vor. Darin erzählt er von seinem Weg aus der Türkei nach Baden-Württemberg, seinen Erfahrungen mit Migration und Integration sowie von den prägenden Stationen seines Lebens. 

Zum Inhalt des Buches

Migration und Integration sind hochaktuell und zugleich kontrovers. Ergun Can beschreibt in seinem Buch, wie er vom „Türkenjungen“ zum Deutschen wurde, wie er seine Kinder- und Jugendjahre in Baden-Württemberg erlebte und wie er das Schnitzen schwäbisch-alemannischer Masken für sich entdeckte. Mit großem Ehrgeiz wurde er Diplom-Ingenieur und engagierte sich später unter anderem als Konzernbetriebsratsvorsitzender, Stuttgarter Gemeinderat sowie in zahlreichen Organisationen und Vereinen.

Seine Freundschaften zu Dr. Gerhard Lang, Erstem Bürgermeister von Stuttgart a. D., und Edzard Reuter, dem früheren Daimler-Konzernchef, zeigen, wie sehr Ergun Can als deutscher Bürger mit türkischen Wurzeln geschätzt wird. Dennoch schlagen zwei Herzen in seiner Brust. Ob er und seine Frau ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft in Deutschland behalten oder ihn in die Türkei verlagern werden, bleibt offen.

Programm

Die Buchvorstellung erfolgt mit musikalischer Umrahmung und begleiteter Weinprobe von Jacques Wein-Depot. 
Ort: Jacques' Wein-Depot, Thaerstr. 2, 70499 Stuttgart-Weilimdorf
Termin: Freitag, 9. Oktober 2026, 19:30 Uhr
Eintritt: 15 Euro
Da die Zahl der Plätze begrenzt ist, wäre eine kurze Rückmeldung hilfreich, gerne per E-Mail an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. 

Nähere Infos finden sich im Flyer.

 

 

 

 

Einleitungsbild Besuch beim Kids Cube: Lernen, spielen und mitmachen in Gemeinschaftsunterkünften
Besuch beim Kids Cube: Lernen, spielen und mitmachen in Gemeinschaftsunterkünften

Die gemeinsame Förderinitiative "Mittendrin - Chancen für morgen gestalten" von Mercedes-Benz und der Bürgerstiftung Stuttgart unterstützt 23 soziale Projekte in Stuttgart. Eines davon ist der Kids Cube der AWO Stuttgart in der Zuffenhausener Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete. Vertreter der Fördergeber und Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann besuchten im September den Kids Cube in der Gemeinschaftsunterkunft. 

Die Idee zum Kids Cube ist aus der Stuttgarter Armutskonferenz entstanden. Mit der Mittendrin-Förderung wurde sie zur Realität. Das Projekt ist die Antwort auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und zwölf Jahren, die in Sozial- und Gemeinschaftsunterkünften in Stuttgart leben. Sie sehnen sich nach mehr Raum zum Lernen, Spielen und Mitmachen. Das Kids Cube Programm startet einmal pro Jahr.

Jedes Kind erhält einen eigenen Würfel aus Holz

Ein Würfel hat sechs Seiten, daher hat das Angebot sechs verschiedene Workshop-Module, die den Kindern wichtige Kernkompetenzen vermitteln. Sie beschäftigen sich mit Themen wie Empowerment, sozialer Teilhabe, politischer Bildung, Medienkompetenz, Prävention und Gesundheitsförderung sowie Kinderschutz und Kinderrechte. Die Workshops finden in Kooperation mit einem breiten Netzwerk verschiedener Stuttgarter Akteur:innen statt. Zusätzlich wird das Projekt seit Beginn durch das Zentrum für Interdisziplinäre Lehre und Forschung (INDIS) der DHBW Stuttgart wissenschaftlich begleitet und fortlaufend evaluiert.

Jedes Kind erhält ein multifunktionales, modulares Möbelstück, den Kids Cube. Die Kinder können den Würfel selbst gestalten, bemalen und verzieren, denn er gehört ihnen. Und die herausnehmbare kleinere Kiste, die auch als Sitzmöglichkeit dient, ist abschließbar. So können die Kinder ihre persönlichen Spielsachen, Bilder und andere kleine Schätze für sich aufbewahren - ein kleiner Raum der Privatsphäre in dem manchmal turbulenten Alltag einer Gemeinschaftsunterkunft. Nach rund acht Monaten der Vorbereitung öffnete das Projekt im November 2024 seine Türen und erreichte mittlerweile mehr als 50 Kinder und Jugendliche sowie deren Familien aus Stuttgarter Sozial- und Gemeinschaftsunterkünften - und die Begeisterung ist groß.

Ankommen, Spielen und Lernen

Der Projektbesuch bot den Gästen einen wichtigen Einblick in den aktuellen Stand. Olaf Schick, Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz Group AG für Integrität, Governance & Nachhaltigkeit sagte: "Für Mercedes-Benz ist gesellschaftliches Engagement eine Frage der Haltung. Wir wollen etwas beitragen, das über unser Geschäft hinausgeht. Auch in herausfordernden Zeiten engagieren wir uns langfristig in Projekten, die hier vor Ort wirken und Zusammenhalt stärken. Beim Besuch des Kids Cube war deutlich zu spüren, mit wie viel Fachwissen und Begeisterung sich alle einbringen. Und vor allem, wie viel es Kindern bedeutet, einen eigenen geschützten Raum zum Ankommen, Spielen und Lernen zu haben."

Nicole Scholl, Bürgerstiftung Stuttgart Vorständin, betonte: "Die Stärke der Bürgerstiftung Stuttgart ist, Menschen aus Zivilgesellschaft, Politik, Verwaltung und Wirtschaft zusammenzubringen. Hierfür vereinen wir die verschiedenen Akteur:innen und deren Bedarfe mit der Methode der sogenannten Runden Tische. Mit dieser Expertise zum einen und mit der finanziellen Unterstützung durch Mercedes-Benz zum anderen konnten wir gemeinsam die Rahmenbedingungen für die Förderinitiative Mittendrin von Anfang an gestalten. Besonderheit ist zum Beispiel eine vergleichsweise lange Förderung über mehrere Jahre. Bei dem Projektbesuch beim Kids Cube war schön zu sehen, wie wirksam hier verschiedene Bereiche ineinandergreifen. Tolle Menschen aus Handwerk, Sozialarbeit, Wissenschaft und Wirtschaft sind bei ihrer täglichen Arbeit mit viel Herz und Engagement dabei."

Kinder und ihre Eltern erreichen

Dr. Alexandra Sußmann, Bürgermeisterin Soziales, Gesundheit und Integration, unterstrich: "Für geflüchtete Kinder sind Spielzeug und Erinnerungsstücke aus dem eigenen Kinderzimmer nicht selbstverständlich. Umso wichtiger sind solche Angebote wie der Kids Cube der Bürgerstiftung Stuttgart und von Mercedes-Benz im Rahmen ihrer Förderinitiative Mittendrin. Sie helfen nicht nur, die unmittelbaren Bedürfnisse der Kinder zu decken, sondern erreichen darüber hinaus auch deren Eltern. Denn viele von ihnen haben Vorbehalte gegenüber Behörden. Solche Angebote zeigen, wie wichtig das Zusammenspie verschiedener Akteurinnen und Akteure ist. Gerade angesichts der angespannten Haushaltslage der Stadt brauchen wir starke Partner, die bei der Bedarfsermittlung und Finanzierung unterstützen. Der Kids Cube ist dafür ein sehr gutes Beispiel."


aus: Pressemeldung Stadt Stuttgart 10.09.2026

Prof. Dr.-Ing. Harald Mandel, DHBW Stuttgart, Prorektor für Forschung, Transfer und Nachhaltigkeit & Dekan Fakultät Technik; Olaf Schick, Mercedes-Benz Group AG, Vorstandsmitglied Integrität, Governance und Nachhaltigkeit; Nicole Scholl, Bürgerstiftung Stuttgart, Vorständin; Nora Yildirim, AWO Stuttgart, Geschäftsführerin, Dr. Alexandra Sußmann, Landeshauptstadt Stuttgart, Bürgermeisterin Referat Soziales, Gesundheit und Integration 

 

Einleitungsbild PISA – ein Vierteljahrhundert „Schock“ mit Ansage
PISA – ein Vierteljahrhundert „Schock“ mit Ansage

Ein Kommentar von Harald Strauß (Bereichsleitung Kinder- und Jugendhilfe)

Teil 2 zu aktuellen Forschungen zum Zusammenhang von (Nicht-)Investition in Bildung und (Nicht-)Bildungserfolg in Deutschland. Teil 1 hier.

Seit 25 Jahren lässt sich die (Bildungs-)Politik bescheinigen, zu wenig für die Bildung getan zu haben. Spoiler: Es liegt nicht an den Schülerinnen und Schülern, ihr Scheitern ist nur das Symptom, nicht die Ursache mangelnder Kompetenz, was später Lebenswege, Freiheitsgrade der Selbstbestimmung, last not least die Job-Performance negativ beeinflusst und damit die Produktivkraft einer Gesellschaft. Verteilt diese Gesellschaft zudem ihren Reichtum auch noch ungleich, sodass Jahrzehnt um Jahrzehnt Reiche reicher und Arme ärmer werden, legt sie die Last der Steuern (in Relation zur Höhe des individuellen Einkommens) vor allem auf die Schultern der Klasse der Menschen, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, dann ist der Niedergang unausweichlich. Alles komplett selbst verschuldet, sei es aus ideologischer Verbohrtheit oder völliger Gleichgültigkeit. Alternativ müsste man einen Mangel an Verstand annehmen – soweit wollen wir hier nicht gehen.

Alle drei Jahre koordiniert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fast weltweit die PISA-Studie (OECD 2026), in der regelmäßig die Kompetenzen von 15-Jährigen in den Dimensionen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften untersucht werden. Bei dieser Untersuchung wird nicht der Schulstoff wie bei einer Klassenarbeit abgefragt, es wird vielmehr getestet, ob die Jugendlichen über grundlegende Anwendungsfähigkeiten in diesen Dimensionen in alltäglichen Situationen verfügen. Zum ersten Mal wurde hierbei im Jahr 2025 u. a. in Deutschland die fremdsprachliche Kompetenz in Englisch getestet; schon seit 2012 wird kreatives Denken, Kollaborationsproblem lösen oder Lernen in der digitalen Welt zusätzlich getestet. Worauf das Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIP) an der technischen Universität München (TUM) gesondert hinweist:

„Die PISA-Studien fragen die Schülerinnen und Schüler auch nach ihrem Wohlbefinden, nach dem Schulklima, nach ihrer Unterstützung durch Lehrkräfte und Eltern – und vor allem ob ihnen der Unterricht Spaß macht und sie das Gefühl haben, die Schule vermittle ihnen wichtige Inhalte für ihr späteres Leben. Indem sie außerdem soziodemographische Daten wie Einkommen, Bildungsniveau und Zuwanderungshintergrund der Familien erhebe, ermögliche die Studie den Blick auf Jugendliche mit schlechteren Startchancen.“ (TUM 2026a)


Quelle: OECD 2026, online: Zusammenfassung: PISA 2025 Ergebnisse (Band I – Auszugsweise Übersetzung) | OECD  

Nichts gelernt

In der aktuellen Runde von 2025 haben über 760.000 Schülerinnen und Schüler aus 91 Ländern teilgenommen. Die Ergebnisse für Deutschland wiederholen nicht nur den berühmt-berüchtigten PISA-Schock der ersten Messung vor 25 Jahren, sie zeigen sogar den niedrigsten Stand seit Beginn der Messungen. Man möchte reflexhaft einwenden: „Aber Corona …!“ – die Corona-Pandemie wurde so genannt, weil sie ein weltweites Geschehen war. Darunter hatten also auch Schülerinnen und Schüler in China, Singapur und anderswo zu leiden – sie wiesen in Naturwissenschaften, Mathematik und Lesekompetenz dennoch die besten Leistungen aus. Der OECD-Durchschnitt in der Dimension Lesekompetenz liegt bei 461 Punkten; die gut 42 % der in allen Kompetenzdimensionen fähigen Teenager in Singapur bringen als auf 535 Punkte, dicht gefolgt von 15-Jährigen in China, von denen sogar über 55 % in allen Dimensionen fit sind. In Deutschland liegt die Lesekompetenz mit 465 Punkten praktisch im OECD-Durchschnitt. Das gleiche gilt für die anderen Dimensionen Naturwissenschaften und Mathematik. Gravierend: Dieses Resultat wird gerade einmal von 14 % der Schülerinnen und Schüler in Deutschland zu Stande gebracht; dem stehen über 20 % gegenüber, die in Lesekompetenz und Mathematik leistungsschwach sind, in Naturwissenschaften sind es sogar 25 % – im Alltagsgebrauch übersetzt heißt das: Ein Viertel der jungen Leute kann sich nur schlecht einen Reim darauf machen, wie die Physik der Welt im Groben funktioniert (OECD 2016). Damit kommen sie für Erwerbstätigkeiten im ingenieurswissenschaftlichen Bereich später kaum in Frage – aber wird der Arbeitsmarkt für basale Dienstleistungen sie aufnehmen können?

Arm und/oder Opa von anderswo – schlechte Startposition …

Man mag dem Geschmack der Leistungsorientierung, des Rankings und den politischen Gestus der Optimierung des Humankapitals verabscheuen (zu Recht!), doch es lässt sich nicht verleugnen, dass PISA Zusammenhänge beleuchtet, die jede Form von Gesellschaft bei Strafe der Untergangs interessieren müssen. Wer eine human-fortschrittliche Gesellschaft anstrebt, wird sein Augenmerk auf zwei dieser Phänomene richten:

-        Armut ist schlecht für die Bildung.

-        Ein Migrationshintergrund wirkt sich auch hinderlich aus.

„Der Zusammenhang zwischen den naturwissenschaftlichen Kompetenzen der Jugendlichen und dem sozioökonomischen Status ihrer Familien ist so stark wie nie zuvor.“ (TUM 2026b)

Besonders Armut und Reichtum sind entscheidend für den Verlauf der Bildungskarriere. Während es nur 2 % der Jugendlichen aus benachteiligten Familien gelingt, hohe Kompetenzen zu erwerben, erreichen dies 25 % aus privilegierten Familien (was allerdings auch kein Ruhmesblatt ist – wieso nur 25 %?). Das Forschungsteam hält fest, dass dieser Zusammenhang in fast keinem anderen Staat so stark ausgeprägt ist.

„Die Chancen auf Bildungserfolg sind in Deutschland ausgesprochen ungleich verteilt“, sagt Bildungsforscher Samuel Greiff. „Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, dass so viele Talente ungenutzt bleiben. Anderen Staaten gelingt es deutlich besser, die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von den familiären Voraussetzungen zu entkoppeln.“ (TUM 2026b)

Das war auch in der Vergangenheit nicht anders. Ein Vierteljahrhundert wird die Öffentlichkeit und die Politik nun schon darüber aufgeklärt, dass es klug wäre, aus Gründen der langfristigen gesellschaftlichen Entwicklung Armut zu beseitigen und die Nachteile der eigenen Herkunft (oder der der Vorfahren) durch Maßnahmen abzufedern.

Wie kann die Bildungssituation verbessert werden? Durch Investitionen in Bildung und das Studium erfolgreicher Bildungsnationen. Dazu muss niemand ins autoritäre Singapur oder nach China oder Südkorea reisen, mit der Bimmelbahn reichte ein Trip nach Estland, das in allen Dimensionen für immerhin 18 % leistungsstarke (und 7 % leistungsschwache) Schülerinnen und Schüler vor Deutschland liegt.

Woher soll das Geld für solche Investitionen kommen? Die gute Nachricht: Es ist schon da. Die schlechte Nachricht: Es ist aus makroökonomischer Perspektive falsch verteilt. Der gesellschaftlich geschöpfte Reichtum muss also anderen als den heute geltenden Verteilungsnormen unterworfen werden. Seit Jahr und Tag wird der gesellschaftlich geschöpfte Reichtum zum größten Teil privat durch eine Minderheit angeeignet. In Deutschland besaßen im Jahr 2024 einer Studie der Boston Consulting Group zufolge rund 3.900 (je nach Rechenweise 5.000) sog. „Ultra High Net Worth Individuals“ (UHNWI), das sind 0,007 % der Bundesbürger, etwa ein Viertel dieses gesellschaftlichen Reichtums (BCG 2024). Wie der französische Ökonom Thomas Piketty schon vor Jahren statistisch ermittelte, würgt zudem der Verwertungsanspruch der großen Vermögen die Nationalökonomien ab, weil die durchschnittlichen Wachstumsraten der Nationalökonomien niedriger sind als die Renditen.

Quelle: Statista/Boston Consulting Group (2026), online: Infografik: Deutsches Vermögen: Millionäre besitzen 1/2, Superreiche 1/4 | Statista

 

Wer kann das ändern? Die Wählerinnen und Wähler, die ihre Stimmen einer Partei geben, die ein solches Programm bietet (das die Wählerinnen und der Wähler auch ein bisschen von einer Partei fordern müssen, damit Wahlen nicht immer in der Mitte gewonnen werden, die Stück für Stück nach rechts gerückt ist). Die neuen Faschisten sind es übrigens nicht, die wollen der Arbeiterklasse richtig an den Kragen, auch wenn Teile davon glauben, die blaue Schlumpfparade sei die neue Arbeiterpartei. Diese fundamentale Verwirrung der politischen Lesefähigkeit beruht auf einem Mangel an Bildung – ansonsten müsste man annehmen, dass eine halbe Million Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt irgendwo auf dem Spektrum psychischer Erkrankungen zu verorten wären. Wut zählt auch nicht, erwachsen ist, wer Impulskontrolle ausübt.

Alles in allem geht es darum, diese Fehlallokation von Kapital zu beseitigen. Es wäre auch klug, dass nicht erst rückwirkend im Zuge von Fiskalpolitik durchzuführen, aber das sprengt in der Regel die Vorstellungskraft. Die Mittel für die soziale Gestaltung – nicht nur von Bildung, auch von Gesundheit, Pflege und Altersvorsorge – wird immer wieder stärker zulasten der abhängig Beschäftigten verschoben, wie wir es gerade mit der medial befeuerten Reformdiskussion des Kabinetts Merz erleben dürfen.

Das hohe Niveau von Stuttgart und seine Fallhöhe

Mit Blick auf die etablierten Modelle in der Ganztagsgrundschule hat Stuttgart seit Jahren gewiss ein hohes Niveau, vor allem im Vergleich zum nun gültigen Rechtsanspruch von Eltern auf die Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Vor dem Hintergrund der eingebrochenen Gewerbesteuereinnahmen hat es mit dem Doppelhaushalt 2026/27 eine schmerzhafte Zäsur gegeben, der weitere Einschnitte folgen werden. Abgesehen von den Grundschulen gibt es auch in einer Reihe von Werkrealschulen und Gemeinschaftsschulen ein Ganztagsangebot, das nun zum beginnenden Schuljahr 2026/27 eine monetäre Vollbremsung hinlegen musste. Nach nur einem Schuljahr mit einer neuen und soliden Finanzausstattung hat der Gemeinderat der Stadt Stuttgart dem Schulverwaltungsamt die Rückkehr zur alten Finanzierung diktiert, womit städtische und freie Träger des Ganztages nun zum Teil Personalkosten vor Ort haben, die auf einen Schlag nicht mehr refinanziert sind.

Im Fall der Ganztagsbetreuung, die die AWO Stuttgart seit einem Jahrzehnt an der Werkrealschule Bismarckschule in Feuerbach anbietet, sind die Mittel um rund ein Drittel reduziert, Tendenz absehbar fallend. Die zwingenden Veränderungen, die das nach sich zieht, gehen natürlich am Ende zulasten der Schülerinnen und Schüler. Abgesehen davon geht es der Schule als solches wie Schrödingers Katze: Aufgrund einer undurchsichtigen Gemengelage aus politischen und amtlichen Interessen ist sie definitorisch eine Hauptschule geworden (was es in Stuttgart nicht gibt), läuft aber offiziell weiterhin unter dem Titel Werkrealschule und soll eventuell in einer Realschule umgewandelt werden. Der erfolgreich etablierte Ganztag in der Bismarckschule steht dabei auf dem Spiel.

Im Horizont der aktuell gültigen Verteilungssystematik und im Geiste des Subsidiaritätsprinzips hat jede Kommune in Deutschland ein erhebliches Problem, wenn das Schicksal der heimischen, exportabhängigen Industrie in China entschieden wird. Kommunen haben dem Bund gegenüber kürzlich erst angemahnt, sich an den Kosten auf lokaler und regionaler Ebene zu beteiligen, die durch Entscheidungen auf Bundesebene entstehen. Was Betroffenen und freien Trägern der Wohlfahrtspflege aufstößt, ist die mangelnde Weisheit in der Frage der Prioritätensetzung – Kürzungen nach dem Rasenmäherprinzip hinterlassen Zweifel an der fachlichen Kompetenz. Gerade eine Kommune, die mit der Erbschaft eines solchen Dauerdebakels wie Stuttgart 21 hinreichend geschlagen ist, muss die knappen Mittel so investieren, dass mittel- und langfristig eine kommunale Rendite erzielt werden kann. Die Investitionen in den Bildungsstandort Stuttgart sollten hier Vorrang haben. Wovor? Grundsätzlich vor konsumptiven Strohfeuern wie „Stuttgart Signs“ (hat man gemerkt …), Weinberg-Sanierungen für die Optik (4,5 Mio €), ja, Luxusartikel wie ein Interimsbau für Opern aus dem 18.-19. Jahrhundert (289 Mio €), die er den Ansprüchen einer kleinen Gruppe gerecht wird, die durchaus über die Mittel verfügt, andernorts in die Oper zu gehen. Die Staatsoper Stuttgart war vor zehn Jahren das letzte Mal Oper des Jahres in der Kritikerumfrage der Berliner Fachzeitschrift Opernwelt (Kritikerumfrage der Opernwelt – Wikipedia). Sorry, aber Prioritäten müssen im Big Picture vorgenommen werden. Und Stadtseilbahnen (16 Mio €) sind zurzeit auch keine gute Idee.

PISA und „die Wirtschaft“

Die aktuelle PISA-Studie ist ein neuerlicher und schmerzhafter Wink mit dem berühmten Zaunpfahl. Als freier Träger hat die AWO Stuttgart im Bereich der offenen Kinder- und Jugendhilfe wie auch im pädagogischen Ganztag ein medienpädagogisches Angebot formuliert, mit dem wir die aktive Auseinandersetzung mit den sozialen Implikationen einer nicht mehr wegzudenkenden Mediennutzung anstoßen. Da PISA 2025 auch zeigt, dass sich – im Display der binären Unterscheidung – Jungen tendenziell schwerer tun als Mädchen, liegt es auf der Hand, im Feld der Jungenarbeit einen weiteren Schwerpunkt zu schaffen, um auf die speziellen Lagen und Bedarfe dieser Klientengruppe eingehen zu können. Aber alle informell-organisatorischen Bildungsformate sind noch prekärer in ihren Finanzierungsstrukturen als die institutionalisierten Elemente KiTa und Schule.

„Der Wirtschaft“ – ein Reflexe auslösendes Buzzword für „die Politik“ – wird nicht zuletzt dadurch auf die Sprünge geholfen, wenn sie lokal auf ein breites Fachkraftpotenzial zurückgreifen kann. Und das geht nur mit Bildung. Investitionen in Bildung sind nachhaltige Investitionen. Sehr konkret kann PISA 2025 Stoff für das Argument liefern, jetzt nicht Bildungsstrukturen wie den Ganztag in Grundschulen und weiterführenden Schulen wie der Bismarckschule abzubauen, im Gegenteil: Das Angebot des Ganztages müsste eigentlich auf die weiterführenden Schulen ausgeweitet werden. Das ist gewiss ein großes Rad, das keine Kommune alleine drehen kann, aber es fängt eben damit an, den politischen Willen für eine Bildungsoffensive zu entwickeln.

Wir sehen uns in drei Jahren zur nächsten PISA-Studie wieder.

Dr. Harald Strauß, Bereichsleitung Kinder- und Jugendhilfe

 

Technische Universität München (2026a): PISA im Faktencheck. Online: PISA-Studien im Faktencheck - TUM

Technische Universität München (2026b): PISA-Ergebnisse auf neuem Tiefstand. Online: PISA-Ergebnisse auf neuem Tiefstand - TUM

OECD (2026): PISA 2025 Ergebnisse (Band I – Auszugsweise Übersetzung): Bereit für die Zukunft?, PISA, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/1562a447-de

Boston Consulting Group (2025): Rethinking the Rules for Growth. Global Wealth Report 2025. Online: Global Wealth Report 2025: Rethinking Rules for Growth | BCG

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"Nicht zu viel zu wollen" - Interview Teil 3 mit Julia zum Abschluss des Qualifizierungskurses

Mit dem Abschluss des neunten Qualifizierungskurses endet auch die Interviewserie mit Julia. In diesem Gespräch beschreibt sie, was für sie gute Begleitung bedeutet: Angebote zu machen und loslassen zu können. Und warum es das richtige Maß an Zurückhaltung braucht.

Der Qualifizierungskurs ist inzwischen zu Ende gegangen: Was nimmst du als wichtigste Erkenntnis darüber mit, was gute Begleitung ausmacht und wer du als Begleiterin sein möchtest?

Nicht zu viel zu wollen! Ich habe das Bild in mir, dass ich als Begleiterin auf dem letzten Stück Weg der sterbenden Person noch mit in ihren Lebenszug einsteigen und mitfahren darf – als Besucherin, als Fahrgast. Ich bestimme weder die Richtung noch die Geschwindigkeit noch das Programm während der Fahrt. Ich kann Angebote machen, wenn es sich passend anfühlt – und respektieren, wenn dieses Angebot nicht passt. Ich darf der Person zutrauen, dass sie ihren Zug auch am Ende noch fahren kann – und sich dabei über etwas Gesellschaft freut.

Gibt es etwas, bei dem du denkst: Das werde ich erst im wirklichen Tun verstehen? Etwas, was kein Kurs der Welt lehren kann?

Jeder Mensch wird am Ende seines Lebens ganz Unterschiedliches brauchen – das kann vorher nicht geplant werden. Dafür braucht es ein Kennenlernen und ein „Sich-Einstimmen“ aufeinander. Jede Begleitung wird sich so gesehen wieder ganz neu anfühlen. Wie es mir mit den Begleitungen letztendlich gehen wird, werde ich auch erst erfahren, wenn ich sie erlebe. Ich bin gespannt, mich darin kennenzulernen.

Wenn du an deine erste konkrete Begleitung denkst: Welche Gefühle kommen da bei dir hoch?

Ich spüre Respekt und sicherlich auch etwas Aufregung, aber gleichzeitig auch viel Vertrauen. Von mir selbst weiß ich, dass ich mir keine Sorgen machen muss, solange ich mich, meine Gefühle und Bedürfnisse in einem begleitenden Prozess gut spüre. Dann bin ich auch präsent für alles, was mein Gegenüber mir zeigt. Das kenne ich auch aus der therapeutischen Arbeit. Wenn ich nur noch im Denken bin, entferne ich mich davon; dann läuft etwas nicht mehr rund und braucht einen überprüfenden Blick auf die Situation – wenn nötig auch von außen. Hier können Supervision und Austausch mit anderen Begleitern helfen. Wir müssen in solchen Situationen nicht alleine bleiben. Das fühlt sich gut an.

Was glaubst du, brauchen Menschen in ihrer letzten Lebensphase am meisten von jemandem, der einfach da ist?

Sichere, authentische Präsenz und Akzeptanz all dessen, was gerade ist. Ich denke, jeder Mensch möchte auch – und gerade – am Ende seines Lebens ernst genommen werden – und auch gesehen werden. Wenn ich mich hineinversetze: Der Gedanke, dass mich am Ende meines Lebens jemand begleitet, der einfach „Ja“ zu mir sagt – „Es ist okay, wie du bist und was du fühlst und was du brauchst“ –, bewirkt in mir ein friedliches Gefühl, das mir dann vielleicht auch hilft, gehen zu können.

Wie soll dieses Engagement langfristig in deinen Alltag passen – was ist dir wichtig, damit es sich stimmig anfühlt?

Ich möchte eine Begleitung nur dann beginnen, wenn ich gerade wirklich die Kapazität habe – sowohl zeitlich als auch physisch und psychisch. Hier bin ich mir meiner Verantwortung bewusst. Niemand hat etwas von einer halbherzigen Begleitung, die sich nach Stress oder Belastung anfühlt. Lieber seltener – und dafür dann aber mit voller Aufmerksamkeit und wirklich offenem Herzen!


Julia war Teilnehmerin des neunten Qualifizierungskurses des AWO Hospizdienstes. In unregelmäßigen Abständen hat sie von ihrer Reise durch den Kurs und ihren Start in die ehrenamtliche Hospizarbeit berichtet. Mit diesem Beitrag endet die Interviewserie.

 

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