Ein Kommentar von Harald Strauß (Bereichsleitung Kinder- und Jugendhilfe)

Teil 2 zu aktuellen Forschungen zum Zusammenhang von (Nicht-)Investition in Bildung und (Nicht-)Bildungserfolg in Deutschland. Teil 1 hier.

Seit 25 Jahren lässt sich die (Bildungs-)Politik bescheinigen, zu wenig für die Bildung getan zu haben. Spoiler: Es liegt nicht an den Schülerinnen und Schülern, ihr Scheitern ist nur das Symptom, nicht die Ursache mangelnder Kompetenz, was später Lebenswege, Freiheitsgrade der Selbstbestimmung, last not least die Job-Performance negativ beeinflusst und damit die Produktivkraft einer Gesellschaft. Verteilt diese Gesellschaft zudem ihren Reichtum auch noch ungleich, sodass Jahrzehnt um Jahrzehnt Reiche reicher und Arme ärmer werden, legt sie die Last der Steuern (in Relation zur Höhe des individuellen Einkommens) vor allem auf die Schultern der Klasse der Menschen, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, dann ist der Niedergang unausweichlich. Alles komplett selbst verschuldet, sei es aus ideologischer Verbohrtheit oder völliger Gleichgültigkeit. Alternativ müsste man einen Mangel an Verstand annehmen – soweit wollen wir hier nicht gehen.

Alle drei Jahre koordiniert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fast weltweit die PISA-Studie (OECD 2026), in der regelmäßig die Kompetenzen von 15-Jährigen in den Dimensionen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften untersucht werden. Bei dieser Untersuchung wird nicht der Schulstoff wie bei einer Klassenarbeit abgefragt, es wird vielmehr getestet, ob die Jugendlichen über grundlegende Anwendungsfähigkeiten in diesen Dimensionen in alltäglichen Situationen verfügen. Zum ersten Mal wurde hierbei im Jahr 2025 u. a. in Deutschland die fremdsprachliche Kompetenz in Englisch getestet; schon seit 2012 wird kreatives Denken, Kollaborationsproblem lösen oder Lernen in der digitalen Welt zusätzlich getestet. Worauf das Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIP) an der technischen Universität München (TUM) gesondert hinweist:

„Die PISA-Studien fragen die Schülerinnen und Schüler auch nach ihrem Wohlbefinden, nach dem Schulklima, nach ihrer Unterstützung durch Lehrkräfte und Eltern – und vor allem ob ihnen der Unterricht Spaß macht und sie das Gefühl haben, die Schule vermittle ihnen wichtige Inhalte für ihr späteres Leben. Indem sie außerdem soziodemographische Daten wie Einkommen, Bildungsniveau und Zuwanderungshintergrund der Familien erhebe, ermögliche die Studie den Blick auf Jugendliche mit schlechteren Startchancen.“ (TUM 2026a)


Quelle: OECD 2026, online: Zusammenfassung: PISA 2025 Ergebnisse (Band I – Auszugsweise Übersetzung) | OECD  

Nichts gelernt

In der aktuellen Runde von 2025 haben über 760.000 Schülerinnen und Schüler aus 91 Ländern teilgenommen. Die Ergebnisse für Deutschland wiederholen nicht nur den berühmt-berüchtigten PISA-Schock der ersten Messung vor 25 Jahren, sie zeigen sogar den niedrigsten Stand seit Beginn der Messungen. Man möchte reflexhaft einwenden: „Aber Corona …!“ – die Corona-Pandemie wurde so genannt, weil sie ein weltweites Geschehen war. Darunter hatten also auch Schülerinnen und Schüler in China, Singapur und anderswo zu leiden – sie wiesen in Naturwissenschaften, Mathematik und Lesekompetenz dennoch die besten Leistungen aus. Der OECD-Durchschnitt in der Dimension Lesekompetenz liegt bei 461 Punkten; die gut 42 % der in allen Kompetenzdimensionen fähigen Teenager in Singapur bringen als auf 535 Punkte, dicht gefolgt von 15-Jährigen in China, von denen sogar über 55 % in allen Dimensionen fit sind. In Deutschland liegt die Lesekompetenz mit 465 Punkten praktisch im OECD-Durchschnitt. Das gleiche gilt für die anderen Dimensionen Naturwissenschaften und Mathematik. Gravierend: Dieses Resultat wird gerade einmal von 14 % der Schülerinnen und Schüler in Deutschland zu Stande gebracht; dem stehen über 20 % gegenüber, die in Lesekompetenz und Mathematik leistungsschwach sind, in Naturwissenschaften sind es sogar 25 % – im Alltagsgebrauch übersetzt heißt das: Ein Viertel der jungen Leute kann sich nur schlecht einen Reim darauf machen, wie die Physik der Welt im Groben funktioniert (OECD 2016). Damit kommen sie für Erwerbstätigkeiten im ingenieurswissenschaftlichen Bereich später kaum in Frage – aber wird der Arbeitsmarkt für basale Dienstleistungen sie aufnehmen können?

Arm und/oder Opa von anderswo – schlechte Startposition …

Man mag dem Geschmack der Leistungsorientierung, des Rankings und den politischen Gestus der Optimierung des Humankapitals verabscheuen (zu Recht!), doch es lässt sich nicht verleugnen, dass PISA Zusammenhänge beleuchtet, die jede Form von Gesellschaft bei Strafe der Untergangs interessieren müssen. Wer eine human-fortschrittliche Gesellschaft anstrebt, wird sein Augenmerk auf zwei dieser Phänomene richten:

-        Armut ist schlecht für die Bildung.

-        Ein Migrationshintergrund wirkt sich auch hinderlich aus.

„Der Zusammenhang zwischen den naturwissenschaftlichen Kompetenzen der Jugendlichen und dem sozioökonomischen Status ihrer Familien ist so stark wie nie zuvor.“ (TUM 2026b)

Besonders Armut und Reichtum sind entscheidend für den Verlauf der Bildungskarriere. Während es nur 2 % der Jugendlichen aus benachteiligten Familien gelingt, hohe Kompetenzen zu erwerben, erreichen dies 25 % aus privilegierten Familien (was allerdings auch kein Ruhmesblatt ist – wieso nur 25 %?). Das Forschungsteam hält fest, dass dieser Zusammenhang in fast keinem anderen Staat so stark ausgeprägt ist.

„Die Chancen auf Bildungserfolg sind in Deutschland ausgesprochen ungleich verteilt“, sagt Bildungsforscher Samuel Greiff. „Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, dass so viele Talente ungenutzt bleiben. Anderen Staaten gelingt es deutlich besser, die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von den familiären Voraussetzungen zu entkoppeln.“ (TUM 2026b)

Das war auch in der Vergangenheit nicht anders. Ein Vierteljahrhundert wird die Öffentlichkeit und die Politik nun schon darüber aufgeklärt, dass es klug wäre, aus Gründen der langfristigen gesellschaftlichen Entwicklung Armut zu beseitigen und die Nachteile der eigenen Herkunft (oder der der Vorfahren) durch Maßnahmen abzufedern.

Wie kann die Bildungssituation verbessert werden? Durch Investitionen in Bildung und das Studium erfolgreicher Bildungsnationen. Dazu muss niemand ins autoritäre Singapur oder nach China oder Südkorea reisen, mit der Bimmelbahn reichte ein Trip nach Estland, das in allen Dimensionen für immerhin 18 % leistungsstarke (und 7 % leistungsschwache) Schülerinnen und Schüler vor Deutschland liegt.

Woher soll das Geld für solche Investitionen kommen? Die gute Nachricht: Es ist schon da. Die schlechte Nachricht: Es ist aus makroökonomischer Perspektive falsch verteilt. Der gesellschaftlich geschöpfte Reichtum muss also anderen als den heute geltenden Verteilungsnormen unterworfen werden. Seit Jahr und Tag wird der gesellschaftlich geschöpfte Reichtum zum größten Teil privat durch eine Minderheit angeeignet. In Deutschland besaßen im Jahr 2024 einer Studie der Boston Consulting Group zufolge rund 3.900 (je nach Rechenweise 5.000) sog. „Ultra High Net Worth Individuals“ (UHNWI), das sind 0,007 % der Bundesbürger, etwa ein Viertel dieses gesellschaftlichen Reichtums (BCG 2024). Wie der französische Ökonom Thomas Piketty schon vor Jahren statistisch ermittelte, würgt zudem der Verwertungsanspruch der großen Vermögen die Nationalökonomien ab, weil die durchschnittlichen Wachstumsraten der Nationalökonomien niedriger sind als die Renditen.

Quelle: Statista/Boston Consulting Group (2026), online: Infografik: Deutsches Vermögen: Millionäre besitzen 1/2, Superreiche 1/4 | Statista

 

Wer kann das ändern? Die Wählerinnen und Wähler, die ihre Stimmen einer Partei geben, die ein solches Programm bietet (das die Wählerinnen und der Wähler auch ein bisschen von einer Partei fordern müssen, damit Wahlen nicht immer in der Mitte gewonnen werden, die Stück für Stück nach rechts gerückt ist). Die neuen Faschisten sind es übrigens nicht, die wollen der Arbeiterklasse richtig an den Kragen, auch wenn Teile davon glauben, die blaue Schlumpfparade sei die neue Arbeiterpartei. Diese fundamentale Verwirrung der politischen Lesefähigkeit beruht auf einem Mangel an Bildung – ansonsten müsste man annehmen, dass eine halbe Million Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt irgendwo auf dem Spektrum psychischer Erkrankungen zu verorten wären. Wut zählt auch nicht, erwachsen ist, wer Impulskontrolle ausübt.

Alles in allem geht es darum, diese Fehlallokation von Kapital zu beseitigen. Es wäre auch klug, dass nicht erst rückwirkend im Zuge von Fiskalpolitik durchzuführen, aber das sprengt in der Regel die Vorstellungskraft. Die Mittel für die soziale Gestaltung – nicht nur von Bildung, auch von Gesundheit, Pflege und Altersvorsorge – wird immer wieder stärker zulasten der abhängig Beschäftigten verschoben, wie wir es gerade mit der medial befeuerten Reformdiskussion des Kabinetts Merz erleben dürfen.

Das hohe Niveau von Stuttgart und seine Fallhöhe

Mit Blick auf die etablierten Modelle in der Ganztagsgrundschule hat Stuttgart seit Jahren gewiss ein hohes Niveau, vor allem im Vergleich zum nun gültigen Rechtsanspruch von Eltern auf die Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Vor dem Hintergrund der eingebrochenen Gewerbesteuereinnahmen hat es mit dem Doppelhaushalt 2026/27 eine schmerzhafte Zäsur gegeben, der weitere Einschnitte folgen werden. Abgesehen von den Grundschulen gibt es auch in einer Reihe von Werkrealschulen und Gemeinschaftsschulen ein Ganztagsangebot, das nun zum beginnenden Schuljahr 2026/27 eine monetäre Vollbremsung hinlegen musste. Nach nur einem Schuljahr mit einer neuen und soliden Finanzausstattung hat der Gemeinderat der Stadt Stuttgart dem Schulverwaltungsamt die Rückkehr zur alten Finanzierung diktiert, womit städtische und freie Träger des Ganztages nun zum Teil Personalkosten vor Ort haben, die auf einen Schlag nicht mehr refinanziert sind.

Im Fall der Ganztagsbetreuung, die die AWO Stuttgart seit einem Jahrzehnt an der Werkrealschule Bismarckschule in Feuerbach anbietet, sind die Mittel um rund ein Drittel reduziert, Tendenz absehbar fallend. Die zwingenden Veränderungen, die das nach sich zieht, gehen natürlich am Ende zulasten der Schülerinnen und Schüler. Abgesehen davon geht es der Schule als solches wie Schrödingers Katze: Aufgrund einer undurchsichtigen Gemengelage aus politischen und amtlichen Interessen ist sie definitorisch eine Hauptschule geworden (was es in Stuttgart nicht gibt), läuft aber offiziell weiterhin unter dem Titel Werkrealschule und soll eventuell in einer Realschule umgewandelt werden. Der erfolgreich etablierte Ganztag in der Bismarckschule steht dabei auf dem Spiel.

Im Horizont der aktuell gültigen Verteilungssystematik und im Geiste des Subsidiaritätsprinzips hat jede Kommune in Deutschland ein erhebliches Problem, wenn das Schicksal der heimischen, exportabhängigen Industrie in China entschieden wird. Kommunen haben dem Bund gegenüber kürzlich erst angemahnt, sich an den Kosten auf lokaler und regionaler Ebene zu beteiligen, die durch Entscheidungen auf Bundesebene entstehen. Was Betroffenen und freien Trägern der Wohlfahrtspflege aufstößt, ist die mangelnde Weisheit in der Frage der Prioritätensetzung – Kürzungen nach dem Rasenmäherprinzip hinterlassen Zweifel an der fachlichen Kompetenz. Gerade eine Kommune, die mit der Erbschaft eines solchen Dauerdebakels wie Stuttgart 21 hinreichend geschlagen ist, muss die knappen Mittel so investieren, dass mittel- und langfristig eine kommunale Rendite erzielt werden kann. Die Investitionen in den Bildungsstandort Stuttgart sollten hier Vorrang haben. Wovor? Grundsätzlich vor konsumptiven Strohfeuern wie „Stuttgart Signs“ (hat man gemerkt …), Weinberg-Sanierungen für die Optik (4,5 Mio €), ja, Luxusartikel wie ein Interimsbau für Opern aus dem 18.-19. Jahrhundert (289 Mio €), die er den Ansprüchen einer kleinen Gruppe gerecht wird, die durchaus über die Mittel verfügt, andernorts in die Oper zu gehen. Die Staatsoper Stuttgart war vor zehn Jahren das letzte Mal Oper des Jahres in der Kritikerumfrage der Berliner Fachzeitschrift Opernwelt (Kritikerumfrage der Opernwelt – Wikipedia). Sorry, aber Prioritäten müssen im Big Picture vorgenommen werden. Und Stadtseilbahnen (16 Mio €) sind zurzeit auch keine gute Idee.

PISA und „die Wirtschaft“

Die aktuelle PISA-Studie ist ein neuerlicher und schmerzhafter Wink mit dem berühmten Zaunpfahl. Als freier Träger hat die AWO Stuttgart im Bereich der offenen Kinder- und Jugendhilfe wie auch im pädagogischen Ganztag ein medienpädagogisches Angebot formuliert, mit dem wir die aktive Auseinandersetzung mit den sozialen Implikationen einer nicht mehr wegzudenkenden Mediennutzung anstoßen. Da PISA 2025 auch zeigt, dass sich – im Display der binären Unterscheidung – Jungen tendenziell schwerer tun als Mädchen, liegt es auf der Hand, im Feld der Jungenarbeit einen weiteren Schwerpunkt zu schaffen, um auf die speziellen Lagen und Bedarfe dieser Klientengruppe eingehen zu können. Aber alle informell-organisatorischen Bildungsformate sind noch prekärer in ihren Finanzierungsstrukturen als die institutionalisierten Elemente KiTa und Schule.

„Der Wirtschaft“ – ein Reflexe auslösendes Buzzword für „die Politik“ – wird nicht zuletzt dadurch auf die Sprünge geholfen, wenn sie lokal auf ein breites Fachkraftpotenzial zurückgreifen kann. Und das geht nur mit Bildung. Investitionen in Bildung sind nachhaltige Investitionen. Sehr konkret kann PISA 2025 Stoff für das Argument liefern, jetzt nicht Bildungsstrukturen wie den Ganztag in Grundschulen und weiterführenden Schulen wie der Bismarckschule abzubauen, im Gegenteil: Das Angebot des Ganztages müsste eigentlich auf die weiterführenden Schulen ausgeweitet werden. Das ist gewiss ein großes Rad, das keine Kommune alleine drehen kann, aber es fängt eben damit an, den politischen Willen für eine Bildungsoffensive zu entwickeln.

Wir sehen uns in drei Jahren zur nächsten PISA-Studie wieder.

Dr. Harald Strauß, Bereichsleitung Kinder- und Jugendhilfe

 

Technische Universität München (2026a): PISA im Faktencheck. Online: PISA-Studien im Faktencheck - TUM

Technische Universität München (2026b): PISA-Ergebnisse auf neuem Tiefstand. Online: PISA-Ergebnisse auf neuem Tiefstand - TUM

OECD (2026): PISA 2025 Ergebnisse (Band I – Auszugsweise Übersetzung): Bereit für die Zukunft?, PISA, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/1562a447-de

Boston Consulting Group (2025): Rethinking the Rules for Growth. Global Wealth Report 2025. Online: Global Wealth Report 2025: Rethinking Rules for Growth | BCG

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