Faktencheck #18

Bezugnehmend auf den Tag der wohnungslosen Menschen am 11. September widmen wir unsere folgenden Faktenchecks dem Thema Wohnungslosigkeit. Dabei möchten wir genauer hinschauen: Wer ist von Wohnungslosigkeit betroffen und wie sieht die Lebenssituation dieser Menschen aus? Was bedeutet Wohnungslosigkeit und aus welchen Gründen werden Menschen wohnungslos?

Was ist der Unterschied zwischen Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit?

Die Begriffe Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit werden häufig gleichbedeutend verwendet. Sie beschreiben jedoch unterschiedliche Lebenssituationen.

Wohnungslosigkeit bedeutet, dass Menschen keine eigene Wohnung oder keinen eigenen Wohnraum haben. Sie können zum Beispiel vorübergehend bei Freund*innen oder Verwandten leben. Andere wohnen in Notunterkünften, Frauenhäusern oder Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe.1

Eine besondere Form ist die sogenannte verdeckte Wohnungslosigkeit. Davon sind besonders häufig Frauen betroffen. Sie wohnen zum Beispiel vorübergehend bei Bekannten, weil sie keine eigene Wohnung haben. Manche bleiben auch in einer gewaltvollen Partnerschaft, weil ihnen eine andere Unterkunft fehlt. Häufig nehmen sie keine Hilfe in Anspruch. Deshalb bleibt ihre Wohnungslosigkeit oft unbemerkt.

Obdachlosigkeit ist eine besonders schwierige Form der Wohnungslosigkeit. Obdachlose Menschen haben keine eigene Unterkunft, in der sie sicher und dauerhaft leben können. Viele müssen auf der Straße oder an öffentlichen Plätzen schlafen. Ihr Alltag ist oft von großen Herausforderungen geprägt. Dazu gehören soziale Ausgrenzung, fehlende Möglichkeiten zur Körperpflege und ein erschwerter Zugang zu Nahrung und medizinischer Versorgung.2

Die Lebenssituation kann sich verändern. Manche Menschen wechseln zwischen verschiedenen Formen der Wohnungslosigkeit. Ob sie eine Unterkunft finden, hängt oft auch davon ab, welche Unterstützung und welche Möglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen.

Wer ist von Wohnungslosigkeit betroffen?

Wohnungslosigkeit kann Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten treffen. Die Zahlen zeigen, dass besonders viele Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit betroffen sind. Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. (BAG W) waren im Jahr 2024 rund 820.000 Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit wohnungslos. Das entsprach etwa 80 Prozent der Menschen, die in der Statistik erfasst wurden. Dazu zählen auch geflüchtete Menschen, die in Gemeinschaftsunterkünften leben. Rund 55.000 der erfassten Personen hatten die Staatsangehörigkeit eines anderen EU-Mitgliedstaates.

Auch Familien sind häufig von Wohnungslosigkeit betroffen. Das wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft übersehen. Im Jahr 2024 lebten rund 60 Prozent der erfassten wohnungslosen Menschen in Mehrpersonenhaushalten. Dazu gehören beispielsweise Familien mit Kindern.3

Gleichzeitig sind viele Hilfsangebote vor allem auf alleinstehende Menschen ausgerichtet, insbesondere auf Männer. Für Familien mit Kindern gibt es dagegen nur wenige passende Angebote.4 Das zeigt sich auch bei den verfügbaren Unterkünften: Nur etwa fünf Prozent der stationären Plätze bei freien Trägern stehen Familien zur Verfügung. 5

Wohnungslosigkeit betrifft auch Familien in Stuttgart

Wir betreuen mittlerweile an drei Standorten in Stuttgart Familien, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind. In unseren Sozialunterkünften und in der Zentralen Notübernachtung für Familien erleben wir täglich, vor welchen Herausforderungen Eltern und Kinder stehen.

Die Familien müssen ihren Alltag unter schwierigen Bedingungen gestalten. Gleichzeitig suchen sie nach einer dauerhaften Wohnung und versuchen, ihren Kindern Sicherheit und Stabilität zu geben. Was eigentlich als kurzfristige Notlösung gedacht ist, wird für manche Familien zu einem langjährigen Aufenthalt. Sie leben dann über Jahre in beengtem Wohnraum in einer Notunterkunft, weil es zu wenig bezahlbaren Wohnraum gibt. Oftmals reichen die Plätze in den Notunterkünften nicht aus, sodass Familien abgewiesen werden müssen.

Wir begleiten und unterstützen die Familien dabei, ihre Lebenssituation zu stabilisieren und neue Perspektiven zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur um die aktuelle Unterbringung. Es geht auch darum, den Familien Sicherheit zu geben und ihnen die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben in einer eigenen Wohnung zu ermöglichen.

Fazit: Wohnungslosigkeit hat viele Gesichter

Wohnungslosigkeit betrifft Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen, eben auch Familien mit Kindern, deren Not oft wenig sichtbar ist. Umso wichtiger ist es, genauer hinzuschauen, Vorurteile abzubauen und den betroffenen Menschen mit Verständnis und Respekt zu begegnen.

 

1 Unterschied Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit - neunerhaus

2 BAG W Wohnungsnotfalldefinition

3 Übersicht

4 Steckelberg, Claudia 2019: Wohnungslosigkeit als heterogenes Phänomen. Soziale Arbeit und ihre Adressat_innen. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Gesucht! Gefunden? Alte und neue Wohnungsfragen. Bonn: bpb, 230–240.

5 Daigler, Claudia/Mörgenthaler, Maja/Nestele, Maria/Althaus, Christel 2024: Familien in Wohnungslosigkeit. Abschlussbericht zur Bilanzierung des Förderprogramms Familien in Wohnungslosigkeit des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg. Esslingen/Stuttgart: Hochschule Esslingen. In: https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-sm/intern/downloads/Downloads_Soziales/241110_Abschlussbericht_Familien_in_Wohnungslosigkeit_final.pdf, zugegriffen am 12.05.2026

 

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